Wir leben in einer Zeit, in der vieles nach Effizienz, Leistung, Tempo, künstlicher Intelligenz, Produktivität und Optimierung geordnet wird. Diese Sprache ist mir vertraut. Sie hat ihren Wert, gerade dort, wo Verantwortung, Klarheit und Umsetzung gefragt sind.
Gleichzeitig gibt es Bereiche des Lebens, in denen diese Sprache an ihre Grenze kommt. Der verletzliche Körper, die Erfahrung von Krankheit, die Abhängigkeit von Pflege, die Angst um ein Kind oder die Nähe zum Tod lassen sich nicht einfach in Ziele, Prozesse und Ergebnisse übersetzen. In solchen Momenten zeigt sich eine andere Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, in der Präsenz, Geduld, Beziehung und Mittragen wichtiger werden als Kontrolle.
Diese andere Ordnung wurde für mich am Flamingo Fest in Fällanden sichtbar.
Dort wurde «Flüüge» zum ersten Mal öffentlich aufgeführt. Das Lied wurde von Carmen Lopes Sway und Marc Sway geschrieben und mit dem Kinder- und Jugendchor der Musikschule Region Dübendorf aufgenommen. Auf den ersten Blick war es ein schöner lokaler Anlass mit Kindern, Familien, Musik und viel Leben. Zugleich lag darin etwas Tieferes: die Erfahrung, dass eine Gemeinschaft der Verletzlichkeit einen sichtbaren Platz geben kann.
Später, bei der Feier vor der katholischen Kirche, wurde dieser Gedanke nochmals verdichtet. Vertreterinnen und Vertreter verschiedener religiöser Gemeinschaften standen zusammen. Der Rahmen war ruhig, schlicht und ohne Pathos. Gerade deshalb wirkte er stark. Es ging nicht um grosse Worte, sondern um eine einfache Einsicht: Wir brauchen einander.
Diese Einsicht ist elementar. Am Anfang des Lebens sind wir vollständig auf andere angewiesen. Am Ende des Lebens oft wieder. Dazwischen leben wir lange in der Vorstellung, unabhängig, belastbar und planbar zu sein. Doch Krankheit, Erschöpfung, Angst oder familiäre Krisen zeigen, wie brüchig diese Vorstellung ist. Der Mensch bleibt ein Wesen, das Beziehung braucht.
Mich hat dieser Moment auch deshalb berührt, weil ich in den letzten Jahren gelernt habe, wie stark sich der Blick auf das Leben verändert, wenn man Nächte in Spitalgängen verbringt. Wenn Monitore leuchten, Alarme klingen und man wartet, ob die Atmung eines Kindes stabil bleibt, verschiebt sich der Massstab. Was vorher selbstverständlich wirkte, wird plötzlich kostbar: eine ruhige Nacht, ein normaler Morgen, ein gemeinsames Essen, ein Lachen am Tisch, ein Tag ohne schlechte Nachricht.
Solche Erfahrungen machen das Leben kleiner und zugleich grösser. Kleiner, weil vieles auf das Wesentliche zurückfällt. Grösser, weil genau dieses Wesentliche eine neue Tiefe bekommt.
Darum hat mich «Flüüge» getroffen.
Das Lied spricht von Wegen, die anders verlaufen, als man gedacht hat. Von Tagen, die schwer sind. Von Einsamkeit, obwohl Menschen da sind. Von Zeit, die manchmal stillsteht und trotzdem zu kurz ist. Zugleich öffnet es einen Raum für Leichtigkeit. Für Wind. Für Flügel. Für den Moment, in dem etwas weitergeht, obwohl nicht alles gut wird.
Die Metapher des Fliegens ist in diesem Zusammenhang stark, weil sie keine einfache Flucht aus der Wirklichkeit beschreibt. Sie steht für eine Bewegung innerhalb der Wirklichkeit. Für die Möglichkeit, trotz Begrenzung Würde, Schönheit und Leben zu erfahren.
Das Flamingo Kinderhospiz gibt dieser Haltung einen konkreten Ort. Es begleitet Kinder und Familien, die mit schwerer Krankheit, Unsicherheit, Erschöpfung und Abschied leben. Es schafft Raum für Entlastung, Nähe und gemeinsame Zeit. Damit sagt es etwas Grundlegendes über den Wert des Lebens: Eine Existenz ist nicht deshalb wertvoll, weil sie funktioniert, lange dauert oder unabhängig bleibt. Sie ist wertvoll, weil sie da ist, fühlt, berührt, Beziehung schafft und Teil einer gemeinsamen Geschichte wird.
Das ist eine leise, aber sehr klare ethische Aussage.
Nicht alles lässt sich lösen. Dieser Satz klingt in einer Kultur der Effizienz zuerst hart. Vielleicht sogar unbequem. Aber er ist nicht hoffnungslos. Er ist ehrlich. Nicht alles lässt sich lösen, aber vieles kann getragen werden. Durch Nähe, Geduld, Pflege, Wiederholung, Schweigen, Humor, Glauben und Menschen, die bleiben.
Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Aufgaben einer lokalen Gemeinschaft: Räume zu schaffen, in denen Menschen mit ihrer Verletzlichkeit nicht allein bleiben. Nicht nur in grossen Institutionen, sondern auch im Alltag. In Familien, Nachbarschaften, Vereinen, Schulen, Kirchen, Gemeinden und stillen Begegnungen.
«Flüüge» hat mich daran erinnert, dass manche Leben anders fliegen. Leiser. Schwerer. Kürzer. Manchmal mit Unterbrüchen, Angst und Müdigkeit. Und trotzdem mit Würde.
Eine Gesellschaft zeigt sich auch daran, wie sie auf Menschen schaut, die Zeit, Schutz, Pflege und Nähe brauchen. Nicht als Ausnahme am Rand, sondern als Teil dessen, was menschliches Leben ausmacht.
Wir können einander nicht alles abnehmen. Aber wir können näher bleiben. Und manchmal verändert genau diese Nähe den ganzen Tag.
